1. Veröffentlicht am 22. Dezember 2012
    topelement

    Wer es nimmt, liegt für zwei Stunden flach. Wer es einmal genommen hat, hört seinen Körper nach ständig höheren Dosen schreien. Und wer davon wegkommen will, muss durch einen Entzug, brutaler als jener von Heroin.

    Dormicum, ein Medikament aus der Gruppe der Benzodiazepine, dient eigentlich der Kurzzeittherapie von Schlafstörungen. Wegen der starken Wirkung und des günstigen Preises sind die Tabletten unter Drogenabhängigen ebenso berüchtigt wie beliebt – und dementsprechend weit verbreitet.

    Kein Wunder darum, stellt das Betäubungsmittelgesetz die Benzodiazepine Drogen wie Morphium oder Kokain gleich. Kein Wunder auch, dürfen Ärzte diese Medikamente an Drogensüchtige nur abgeben, wenn sie dafür eine Bewilligung einholen.

    Kein Wunder schliesslich, schlug 2009 ein Bieler Apotheker Alarm. Er informierte Kantonsarzt und Kantonsapotheker, dass ein Psychiater in Biel seit längerem in horrenden Mengen Dormicum verschreibe: Die Rezepte beinhalteten bis zu zehn Packungen gleichzeitig.

    Pillen für den Schwarzmarkt

    Der erfahrene Apotheker schloss einen Gebrauch durch die Patienten aus. Die Tabletten waren in seinen Augen eindeutig für den Schwarzmarkt bestimmt. Der Verdacht, den der Apotheker hegte, liegt auf der Hand: Der Psychiater versorgt die Drogenszene mit Dormicum.

    Die Meldung des Apothekers überraschte beim Kantonsarztamt, das für die Dormicum-Bewilligung zuständig ist, niemanden. Man wisse, dass Biel mit Dormicum gut versorgt sei, liess der heutige Kantonsarzt Thomas Schochat Kantonsapotheker Samuel Steiner wissen. Schon länger hegte man auf dem Amt einen Verdacht, wer die sprudelnde Dormicum-Quelle ist. Die vom Apotheker übermittelten Rezepte bestätigten diesen.

    Trotzdem griffen die Behörden bis heute nicht ein: Es meldeten sich weitere Apotheken, Ärzte, Drogenfachleute und sogar die Kantonspolizei wegen des Dormicum-Psychiaters beim Kantonsarztamt.

    Psychiater will lindern

    Gegenüber dieser Zeitung gibt der Bieler Psychiater freimütig zu, dass viele Drogensüchtige alleine wegen des Dormicums zu ihm gehen: «Es hat sich halt in der Szene herumgesprochen, dass ich es verschreibe.» Der Grund, warum er das tue, sei simpel: «In 95 Prozent der Fälle verschreibe ich Dormicum, weil es die Patienten bereits länger nehmen und davon anhängig sind.»

    Da viele von ihnen schon lange dormicumsüchtig sind, seien die benötigten Dosen so hoch. Er kläre die «Drögeler» zwar über die Folgeschäden auf und versuche sie zum Abbau zu bewegen – «doch das misslingt meistens», sagt der Psychiater. «Oft kann ich bloss lindern, nicht helfen. Das sei das ärztliche Schicksal, mit dem man gerade in der Psychiatrie oft konfrontiert sei.

    Abgabe torpediert Therapien

    Kantonsarzt Thomas Schochat kann aus Gründen des Amtsgeheimnisses keine Auskunft zum konkreten Fall geben. Er legt aber seine grundsätzliche Haltung dar: «Wir bewilligen Dormicum-Abgaben im Sinne einer Schadensbegrenzung, weil wir den Leuten damit helfen, von der Strasse wegzukommen.»

    Das sieht Barbara Mühlheim, Leiterin der Stelle für die kontrollierte Drogenabgabe (Koda) in Bern, anders: «Wegen der Dormicum-Abgabe durch gewisse Ärzte laufen uns die Leute aus den strukturierten Substitutionsprogrammen und landen auf der Strasse.» Therapiezentren wie die Koda oder das Suprax in Biel geben das in der Szene beliebte Dormicum nicht ab. «Es gibt keine einzige Studie, die belegen würde, dass die Dormicum-Abgabe an Drogenabhängige Sinn macht», sagt Mühlheim.

    Ein einträglicher Deal

    Wer es also will, muss es sich bei einem Arzt oder auf der Strasse holen. Dort gibt es viel davon, sagt Mühlheim: «Die grossen Mengen Dormicum, die einige Ärzte verschreiben, werden – anders als das Methadon oder Heroin bei uns – nicht unter Kontrolle eingenommen.» Die Folge sei klar: «Das Dormicum wird oft verdealt.»

    Dabei lockt eine satte Rendite: Die gängigste Packung à 30 Tabletten hat einen Schwarzmarktwert von 150 bis 300 Franken – mit Rezept kriegt man sie in der Apotheke für 20 Franken. Dieser Zeitung liegen diverse Rezepte des Psychiaters vor, die zum Bezug von mehreren Packungen aufs Mal ermächtigen.

    Zahlen des Kantonsarztamts stützen die These, dass der Grossteil des Dormicums verdealt wird: Während kantonsweit aktuell 2219 Drogenabhängige in einer bewilligten Methadon-therapie stecken, sind es nur 181, welche über einen Arzt bewilligt Dormicum beziehen. Diese wenigen Dormicum-Bewilligungen stehen in scharfem Kontrast zur grossen Verbreitung der Tabletten in der Drogenszene.

    Die Gefahr, dass Dormicum via Ärzte auf dem Schwarzmarkt landet, sieht Kantonsarzt Schochat auch, wenn er sagt: «Wir können den Missbrauch im Rahmen unseres Auftrags nicht kontrollieren.»

    Abgabe als Wunschkonzert

    Der Bieler Psychiater mag gar nicht bestreiten, dass von ihm verschriebenes Dormicum auf der Gasse landet: «Ich habe aus der Szene gehört, dass gewisse meiner Patienten dealen.» Das Problem sei, dass er bei der Dosierung auf die Angaben der Patienten angewiesen sei: «Wenn einer neu zu mir kommt und sagt, er nehme 10 Tabletten am Tag – dann ist das durchaus möglich, und ich muss es ihm glauben.» Eine medizinische Möglichkeit, das zu messen – etwa per Blutspiegel – existiere nicht. Da könne es sein, dass Patienten einen Teil der Dosis nicht selber konsumieren und «verhökern».

    Von welchen Dimensionen dieser Missbrauch sein kann, zeigen Dokumente über den Fall eines Drogensüchtigen: Diesem verschreibt der Bieler Psychiater in einem bewilligten Programm 100 Milligramm Methadon und 135 Milligramm Dormicum. Über diese hohe bewilligte Dosis hinaus stellt der Psychiater weitere Rezepte für Dormicum aus, die der Patient in einer beliebigen Apotheke einlösen kann.

    Der Psychiater selbst sagt, er verschreibe bis 12 Tabletten täglich. Das sind 180 Milligramm. In der Regel liegt die Obergrenze der Dormicum-Dosierung für Drogenabhängige um die 100 Milligramm pro Tag. Früher überprüfte man beim Kantonsarztamt die verschriebenen Dosen. Davon sei man abgekommen, sagt Kantonsarzt Schochat: «Wir kennen die Patienten ja nicht persönlich, sondern lediglich aufgrund der uns übermittelten Akten.»

    Man kann Schochats Aussage auch als Kapitulation vor der sehr weit gehenden therapeutischen Freiheit eines Arztes verstehen. Dieses erlaubt den sogenannten Off label use, die Abgabe eines Medikaments in höheren Dosen als von Swissmedic zugelassen. Bei Dormicum beträgt die zugelassene Tagesdosis gerade mal 15 Milligramm.

    Rezepte ohne Bewilligung

    Der Bieler Psychiater strapaziert seine Freiheiten allerdings nicht bloss mit sehr hohen Dormicum-Dosen: Er verschreibt das Medikament auch regelmässig an Drogenabhängige, für die er gar keine Bewilligung beantragt hat. Schliesslich alimentiert er Drogensüchtige, die bei anderen Ärzten in Methadontherapien sind, unbewilligt und wohl ohne das Wissen dieser Ärzte mit zusätzlichen Rationen.

    Der Psychiater scheint die Dehnbarkeit des Betäubungsmittelgesetzes bestens zu kennen. So verschreibt er Dormicum in gewissen Fällen nicht zur Therapie der Drogensucht, sondern gegen Angstzustände, wofür es tatsächlich ein anerkanntes Medikament ist. Dass man auf diese Weise die Bewilligungspflicht umgehen kann, ergibt sich trotzdem nur bei spitzfindiger Lesart des Gesetzes.

    Viele Fälle unter dem Radar

    Problematischer ist laut Kantonsarzt Schochat, dass generell «in der ärztlichen Praxis nicht immer klar definiert wird, ob ein Patient drogenabhängig ist». Will heissen: Da ein Arzt Dormicum an «normale» Patienten ohne Bewilligung verschreiben darf, kann er behaupten, von der Drogensucht eines Patienten nichts gewusst zu haben. Ein schlechter Witz für jene, die täglich mit Junkies zu tun haben.

    Gibt also ein Arzt den Unwissenden, entgehen solche Fälle dem Radar des Kantonsarztamtes: Der Arzt meldet diese Verschreibungen einfach nicht.

    Dokumente zeigen aber, dass das Kantonsarztamt seit Jahren wusste, dass sich der Psychiater in diesem juristischen Graubereich bewegt: Apotheker meldeten mehrere Fälle von Dormicum-Abgaben an Drogenabhängige ohne Bewilligung.

    Von einem Fall erfuhr das Amt durch ein Berner Spital. Dieses meldete im Oktober 2010, dass ein altbekannter drogenabhängiger Patient das Personal erstaunt hatte: Er gab an, täglich insgesamt 13 Tabletten von Dormicum und drei weiteren Benzodiazepinen zu benötigen. Der Psychiater bestätigt diese Dosen dem Spital auf telefonische Nachfrage. Das Spital benachrichtigte die Behörden.

    Schwierige Beweislage

    Kantonsarzt Thomas Schochat wehrt sich gegen den Anschein, dass sein Amt untätig bleibe und solche Praktiken damit de facto toleriere. Er verweist auf den spektakulären Fall des Dr. X in Bern, dem das Amt nach Jahren das Handwerk legen konnte (siehe Infobox).

    «Wir können nicht bloss aufgrund von Anschuldigungen einen Arzt sanktionieren», sagt Schochat grundsätzlich. «Wir brauchen Material, das vor Verwaltungsgericht Bestand hält.»

    Dass Ärzte gegen einen Entzug der Berufsausübungsbewilligung alle juristischen Hebel in Bewegung setzen, hat Schochat mehrmals erlebt – auch Dr. X kämpfte trotz klarer Faktenlage gegen ein temporäres Berufsverbot.

    Dormicum-Ärzte auch in Bern

    Recherchen zeigen, dass die Dormicum-Praxis des Bieler Psychiaters zwar ein krasser Fall ist, aber beileibe keinen Einzelfall darstellt. So hört man in der Szene und aus Ärztekreisen von mindestens drei Psychiatern in Bern, die mit freizügigen Dormicum-Rezepten den Schwarzmarkt alimentieren. Teilweise verschreiben sie auch grosse Mengen an Ritalin und Focalin. Die beiden ADHS-Medikamente sind unter Drogensüchtigen ebenfalls beliebt und auf der Gasse entsprechend weit verbreitet.

    Einer dieser einschlägig bekannten Psychiater hat seine Praxis unweit der Koda-Abgabestelle im Mattenhofquartier, die anderen zwei im Raum zwischen Bahnhof und Bollwerk und damit ganz in der Nähe der Drogenanlaufstelle. Die grosszügigen Rezepte jener beiden Psychiater sind bei Apotheken in Bahnhofnähe seit Jahren berüchtigt.

    Gegenmittel gesucht

    Diese Apotheker haben «die Schnauze voll», wie einer von ihnen sagt. So hat diesen Sommer eine Apotheke beim Bahnhof eine Drogensüchtige mit einem grosszügigen Dormicum-Rezept aus dem Geschäft gewiesen und sie aufgefordert, sich eine neue Apotheke zu suchen. Seit längerem verwende sie Dormicum «offensichtlich missbräuchlich», teilte die Apotheke dem Kantonsapothekeramt mit.

    Im Januar will sich Koda-Chefin Barbara Mühlheim mit Apothekern und Behörden an einen Tisch setzen, um Mittel gegen die Dormicum-Schwemme auf der Gasse zu finden. «Denn was diese Ärzte tun», sagt die grünliberale Grossrätin, «ist verantwortungslos.»

    Artikel des Tagesanzeiger: Bieler Psychiater versorgt Süchtige mit harten Drogen